Dominanz und Alphatier-Konzepte im Pferdetraining

von | 17. August 2017

Dominanz und Alphaltier-Konzepte im Pferdetraining: Neue Studien belegen, wie wenig sinnvoll solche Herangehensweisen in der Mensch-Pferd-Beziehung und für das artgerechte Pferde-Training sind.

 

Wer kennt sie nicht, die Trainings-Konzepte bei denen der Mensch gegenüber dem Pferd dominant, also in einer „Führungsrolle“ auftreten soll. Und wer hat sie nicht schon oft genug gehört, die vielen Ratschläge und Empfehlungen, bei der Arbeit mit Pferden doch bitte unbedingt in die Rolle des Alpha- oder Leittieres zu schlüpfen, damit die „Hierarchie“ auch klar wird.

Doch wie sinnvoll und zielführend sind solche Trainingsmethoden und Verhaltens-Empfehlungen für die Beziehung Mensch-Pferd eigentlich? Versteht ein Pferd dieses Rollenverhalten des Menschen überhaupt? Und erreichen wir mit einer solchen Rollenverteilung den gewünschten positiven Trainingseffekt?

Neue wissenschaftliche Studien wecken grossen Zweifel an der Effizienz und an der Artgerechtigkeit von Dominanz- bzw. „Alphatier“-Konzepten bei der Arbeit mit Pferden!

 


Eine gute Übersicht über die neusten Erkenntnisse zum Thema Dominanz in der Mensch-Pferd-Beziehung gibt folgender Artikel:

Dominance and Leadership: Useful Concepts in Human–Horse Interactions?

von Elke Hartmann, Janne W. Christensen, Paul D. McGreevy

Erschienen im Journal of Equine Veterinary Science, Volume 52, Mai 2017, Seiten 1-9.

Leitende Autorin: Dr. Elke Hartmann,
Swedish University of Agricultural Sciences, Department of Animal Environment and Health, Uppsala, Sweden.
Email: elke.hartmann@slu.se

Dieser (nur in Englisch verfügbare) Artikel ist öffentlich zugänglich und kann mit diesem Link heruntergeladen werden.


 

Ich möchte an dieser Stelle nur kurz auf die wichtigsten Aussagen und Erkenntnisse aus dieser neuen Forschungsarbeit eingehen:

  • Pferde haben eine natürliche Tendenz, ihre Aktivitäten aufeinander abzustimmen. Dabei kann jedes Tier in einer bestimmten Situation eine Führungsrolle übernehmen.
  • Die Sozialstruktur von Pferden ist sehr flexibel und komplex und wird von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren bestimmt, wie beispielsweise das Alter, die Motivation, die Dauer der Gruppenzugehörigkeit, etc. die kaum auf Mensch-Pferde-Beziehungen direkt übertragbar sind.
  • Das Konzept der dominanten menschlichen Führungsrolle als „Alphatier“ und damit verbunden eines vermeintlich hohen sozialen Status des Menschen in der Rangordnung gegenüber dem Pferd lässt sich nur schwer mit der natürlichen Sozialstruktur von Pferden vereinbaren.
  • Trainingskonzepte, welche auf dem natürlichen Verhalten von Pferden aufbauen (dazu gehört die Sozialstruktur) und auch die Art und Weise wie Pferde lernen berücksichtigen, dürften somit einen deutlich positiveren Einfluss auf die Trainingsergebnisse haben als die mit der Sozialstruktur von Pferden kaum kompatiblen Dominanz-Konzepte.
  • Dagegen dürfte die Anwendung von Methoden, die sich nicht am natürlichen Verhalten von Pferden orientieren (die also auch nicht deren kognitive Fähigkeiten berücksichtigen) ineffizient sein und sich zudem auch negativ auf das Wohlbefinden des Pferdes auswirken. Dazu gehören zum Beispiel alle harschen Trainingsmethoden, unangemessenen Bestrafungen, inkonsequente oder widersprüchliche Signalgebung etc.
  • Erfolge im Pferdetraining sind von einer Vielzahl von Einflussfaktoren abhängig. Dazu zählen u.a. die Haltungsbedingungen, der Gesundheitsstaus, frühere Erfahrungen, das Temperament und das Exterieur, das Trainingsumfeld und nicht zuletzt die Kenntnisse und Fertigkeiten des Menschen als Trainer und Partner.
  • Ausgehend vom aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand lässt sich jedoch auch sagen, dass sich positive Trainingsergebnisse eher durch konsequente positive Verstärkung des erwünschten Verhaltens erklären lassen als durch das Einnehmen einer mit der Sozialstruktur von Pferden kaum kompatiblen dominanten menschlichen Führungsrolle. 

Wer sich intensiver und im Detail mit der Thematik der Mensch-Pferd-Beziehung auseinandersetzen möchte und sich insbesondere auch für die Ethologie – also das Verhalten von Tieren im natürlichen Umfeld – interessiert, dem möchte ich neben den Literaturhinweisen im oben erwähnten Artikel unbedingt auch die Lektüre von weiteren Publikationen von Paul D. McGreevy empfehlen.

Mit einem Pferd zusammen Zeit zu verbringen – in welcher Form auch immer – ist für viele Menschen etwas vom Schönsten. Ob dies umgekehrt auch der Fall ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Vor allem aber auch davon, ob der Menschen seine eigene Verhaltensweisen dem Pferd gegenüber gebührend reflektiert. Mit dem oben erwähnten Forschungsbeitrag wird uns wieder einmal der Spiegel vorgehalten: Ein Mensch bleibt immer ein Mensch, ein Pferd bleibt immer ein Pferd. Unser Zusammensein mit Pferden wird immer von der Herausforderung geprägt sein, sich mit einer gänzlich anders funktionierenden Spezies zu verständigen.

Sollten wir uns dieser Herausforderung nicht eher mit etwas Bescheidenheit stellen als mit Überheblichkeit? Pferde sind hochsensibel, hochintelligent, und sehr vielschichtig, wie diese Studie einmal mehr deutlich aufzeigt. Ist es da nicht unsere Aufgabe, unser Bestes zu geben? Jeden Tag? Auch davon auszugehen, dass Pferde in manchen Dingen vielleicht weiter entwickelt und „besser“ sind als wir Menschen? Wäre es also nicht angebracht, mit der nötigen Anerkennung und Offenheit an an diese wunderbaren Tiere heranzutreten? Einmal mehr zuzuhören als ständig nur zu senden? Einmal mehr zu lernen und auf Empfang zu schalten als Lehrer und Therapeut sein zu wollen? Und wieder einmal zurückzugehen zu den Wurzeln der Natur, zur Intuition und dazu, mit dem Herzen zu „sehen“?

Es würde viele Fragen rund um das Pferd einfach beantworten und – davon bin ich überzeugt – es würde das Leben unserer geliebten Vierbeiner in vielen Situationen so viel angenehmer und lebenswerter machen.

Sonja Bucher

1 Kommentar

  1. Hans-Peter Steiger

    Der obige Text ist Balsam für jeden Pferdehalter, der seine Tiere liebt und sie tagtäglich von Neuem zu verstehen und erforschen versucht. Dass das bisherige Dominanzgehabe des Menschen aber auch gar nichts bringt weiss jeder, der schon mit verängstigten, unsicheren und „anlehnungsbedürftigen“ Tieren gearbeitet hat. Ruhe, Sicherheit und Vertrauen sind unabdingbare Werte, um mit unseren Pferden ein Verhältnis aufzubauen, das Entwicklung und Wachstum in geistiger und körperlicher Hinsicht zulässt.
    Hans-Peter Steiger

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