Wenn Pferde nicht an Narkolepsie sondern unter Schlafmangel leiden

von | 10. Oktober 2017

Man beobachtet, dass ein Pferd häufig schläfrig, müde und abgekämpft wirkt, sogar beim Putzen einschläft, immer wieder stolpert oder einknickt. Und dann sind da noch diese unerklärlichen Verletzungen und Narben am Karpal- oder Fesselgelenk. Sofort denkt man an Narkolepsie.

Doch viel häufiger ist Schlafmangel das Problem! Weshalb das so ist und worin sich die Unterschiede zeigen ist das Thema dieses Blog-Beitrags. Denn guter Schlaf ist für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Pferden genauso wichtig wie für uns Menschen. 

 

Schlafstörungen bei Pferden sind – wie verschiedene Studien belegen – leider ein weit verbreitetes Phänomen und daher ein häufiges Gesprächsthema unter Pferdebesitzern. Dabei stellt sich natürlich die Frage, wie das normale arttypische Ruhe- und Schlafverhalten von Pferden eigentlich aussieht. Ebenso wie die Frage, ob es sich bei Störungen um eine Krankheit (Narkolepsie, eine chronische, neurologische Schlaf-Wach-Störung) oder um Schlafmangel (präziser: Mangel an Schlaf im Liegen) handelt.

 


Das normale, arttypische Schlafverhalten von Pferden

Die Anwendung neuer, objektiver Messmethoden zur Erforschung des natürlichen Schlafverhaltens von Pferden belegen, dass Pferde nicht nur deutlich weniger schlafen als andere Säugetiere, sondern auch ein sehr spezifisches Schlafmuster besitzen, bei dem sich mehrere Schlaf- und Wachphasen abwechseln. Die Gesamtschlafzeit in mehrere kurze Abschnitte aufzuteilen dürfte evolutionsbiologische Gründe haben, da Pferde als Beute- und Fluchttiere immer auf der Hut vor Angreifern sein mussten.

Die Gesamtruhezeit, also die Zeit die das Pferd mit Ruhen, Dösen und Schlafen verbringt, wird auf zwischen 5 und 9 Stunden pro Tag geschätzt. Der Anteil an Gesamtschlafzeit für erwachsene Pferde dürfte im Bereich von 3 bis 4 Stunden pro Nacht liegen, wobei rund 1 Stunde davon im Leichtschlaf, ca. 2 Stunden im Tiefschlaf und ungefähr 30 Minuten pro Nacht im sog. Traum- oder REM-Schlaf verbracht werden.

Während Pferde – wie alle Einhufer – die Besonderheit aufweisen, dass sie zum Schlafen im Stehen fähig sind (diese Form ist insbesondere tagsüber die gängigste Art der Erholung), erreichen sie in dieser Position mit erhöhtem Muskeltonus nicht alle Schlafphasen.

Insbesondere die zwar nur kurze, aber für die Regeneration und damit die Gesundheit äusserst wichtige Phase des REM- oder Traumschlafes, die durch den Verlust der Muskeltonusaktivität sowie durch schnelle gegenläufige Augenbewegungen gekennzeichnet ist, kann beim Pferd nur im Liegen in Brustlage mit aufgestütztem Kopf oder in kompletter Seitenlage stattfinden. Einzelne Nächte ohne diese Schlafphase sind zwar durchaus möglich, das dauerhafte Ausbleiben der Erholungsphase mit REM-Schlaf ist hingegen äusserst schädlich für die Gesundheit.

Fazit: Obwohl Pferde auch im Stehen schlafen können sind sie dennoch auf Schlaf im Liegen unbedingt angewiesen!

 


Schlafstörungen beim Pferd: Echte Narkolepsie oder Schlafmangel im Liegen?

Werden bei einem Pferd Schlafstörungen beobachtet, wird oft allgemein von Narkolepsie gesprochen. Allerdings ist es für die die Diagnose einer tatsächlichen Narkolepsie oder einer anderen Schlafkrankheit äusserst wichtig, dass Schlafmangel als Ursache des gezeigten Verhaltens ausgeschlossen werden kann. Ansonsten besteht die Gefahr von Fehldiagnosen und einer Wahl von Therapiemethoden die mit der auslösenden Ursache „Mangel an Schlaf im Liegen“ wenig zu tun haben.

Bei der echten Narkolepsie handelt es sich um eine chronische Schlaf-Wach-Störung des Zentralnervensystems, welche durch den plötzlichen teilweisen oder kompletten Verlust des Haltemuskeltonus (die sog. Kataplexie) charakterisiert ist und durch intensive, starke (oft auch positive) Gefühlsregungen ausgelöst wird. Betroffene Pferde stolpern, taumeln, schwanken und zeigen eine exzessive Schläfrigkeit, sind zwischen den Attacken jedoch neurologisch völlig unauffällig. Für die Diagnose einer tatsächlichen Narkolepsie ist der Ausschluss von kardiovaskulären, respiratorischen oder neurologischen Ursachen sowie von Elektrolyt-Ungleichgewichten als Auslöser für den Kollaps wichtig. Dazu braucht es gründliche klinische und labortechnische Untersuchungen.

Eine tatsächliche Narkolepsie ist sehr selten, zeigt sich häufig schon im frühen Fohlenalter und gilt heute noch als unheilbar. Als therapeutische Massnahme bei betroffenen Tieren kann das Antidepressivum Imipramin verabreicht werden um den Verlust des Muskeltonus bei einem Kollaps zu kontrollieren.

Viel häufiger als Narkolepsie oder andere Schlafkrankheiten leiden Pferde jedoch unter den dauerhaften Auswirkungen von Schlafmangel im Liegen, haben also keine neurologische Störung sondern schlicht und einfach zu wenig Regenerations- und Erholungsphasen im Schlafzyklus.

Wie oben bereits beschrieben erreichen Pferde die REM-Schlafphase mit totaler Muskelentspannung ausschliesslich im Liegenwohingegen andere Schlafphasen auch stehend erreicht werden, diese jedoch immer mit einer Aufrechterhaltung des Muskeltonus einhergehen.

Die Auswirkungen von Schlafmangel zeigen sich beim Dösen mit tief hängendem Kopf, beim Einknicken der Vordergliedmasse bis hin zum totalen Kollaps, wobei die Pferde meist erwachen noch bevor sie in die Seitenlage fallen. Dabei kann es zu Verletzungen an den Lippen, im Kopfbereich, an den Fesselköpfen oder am Vorderfusswurzelgelenk kommen. Pferde zeigen Schlafmangel aber auch dadurch, dass sie ihren Kopf auf der Stalltür oder anderswo ablegen, sich auf die Futterkrippe setzen oder sich rückwärts in eine Ecke des Stalls positionieren, was häufig zu Schürfwunden und Narben an den betroffenen Stellen führt.

Vielen Pferdebesitzern fallen zuerst diese chronischen Verletzungen und nicht das Verhalten ihrer Pferde auf.

Es gibt eine Vielzahl von Ursachen für Schlafmangel bei Pferden, die alle jedoch darauf zurück zu führen sind, dass sich die Pferde zum Schlafen dauerhaft nicht hinlegen.

Faktoren, die dies verursachen können, sind insbesondere

  • Haltungsbedingungen welche die Komfortbedürfnisse des Pferdes nicht ausreichend berücksichtigen
    Dazu zählen der Mangel an geeigneter Einstreu, feuchte Einstreu oder überhaupt keine Einstreu in einer Box bzw. im Stall. Studien belegen zudem, dass die Liegedauer durch die Tiefe, die Struktur, die Sauberkeit, den Geruch und das Isolationsvermögen der Einstreu beeinflusst wird. Aber auch bei Auslauf- und Weidehaltung können zu feuchte oder sumpfige Böden dazu führen, dass sich Pferde nicht hinlegen.
  • Schmerzen beim hinlegen oder Aufstehen verhindern, dass sich das Pferd zum Schlafen hinlegt
    Die Ursache können Erkrankungen des Bewegungsapparates oder Schmerzen im Brust- und Bauchbereich, die beim hinlegen oder aufstehen ausgelöst werden, sein.
  • Das Pferd fühlt sich in seiner Umgebung nicht sicher
    Pferde als Flucht- und Beutetiere legen sich nur hin, wenn sie sich in ihrer Umgebung sicher fühlen. Unsicherheit kann durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden. Dazu zählen ein nicht trittsicherer, glatter Boden, eine laute oder beunruhigende Geräuschkulisse, besonders aggressive Artgenossen im Herdenverband, eine zu enge Box oder zu kleine bzw. zu wenig strukturierte Liegeflächen im Offenstall. Aber auch ein längerer Klinikaufenthalt, insbesondere auf einer Intensivstation, kann zu Schlafmangel führen.

Die Therapiemassnahmen bei Pferden mit Schlafmangel richten sich nach dem (den) auslösenden Faktor(en). Werden diese korrekt identifiziert und anschliessend beseitigt werden auch die Tagesschläfrigkeit sowie die anderen Symptome rasch zurückgehen. Es ist möglich, dass die betroffenen Pferde zunächst besonders häufig und lange im Liegen schlafen, das Schlafverhalten normalisiert sich jedoch üblicherweise bereits nach wenigen Tagen.

 

Fazit: Schlafmangel kommt bei Pferden häufig vor, andere Schlafkrankheiten wie echte Narkolepsie hingegen sehr selten. Daher muss bei Schlafstörungen unbedingt zuerst Schlafmangel im Liegen als Ursache ausgeschlossen werden!

Fazit: Die Haltungsbedingungen sowie Erkrankungen des Bewegungsapparates haben einen signifikanten Einfluss darauf, ob sich Pferde zum Schlafen hinlegen und sich somit ausreichend regenerieren können!

 


Seit kurzem erst ist es technisch möglich, das Schlaf- und Ruheverhalten von Pferden nicht nur durch subjektive Beobachtung sondern durch objektive Messungen wie sie auch in humanmedizinischen Schlaflaboren eingesetzt werden (polysomnographische Messungen) zu untersuchen. Dadurch konnten erstmals komplette Schlafprofile von Pferden in ihrer gewohnten Umgebung erstellt werden.

Diese Entwicklung haben die beiden Tierärztinnen Christine Fuchs und Lena Charlotte Kiefer von der Ludwig-Maximilians Universität München (LMU München) genutzt und 2014 eine Studie über das Schlafverhalten von Pferden in Verbindung mit dem Krankheitsbild der Narkolepsie verfasst.

Die interessanten und bemerkenswerten Erkenntnisse aus dieser Studie sind unter den folgenden Links öffentlich zugänglich:

Narkolepsie oder REM-Schlafmangel? 24-Stunden-Überwachung und polysomnographische Messungen bei adulten „narkoleptischen“ Pferden, von Christine Fuchs, München 2017.

Untersuchungen zu Schlafstörungen beim Pferd: Narkolepsie versus REM-Schlafmangel, von Lena Charlotte Kiefner, München 2016 


 

Pferde haben ein sehr spezifisches Ruhe- und Schlafverhalten und dadurch ganz spezielle Anforderungen an die Schlafmöglichkeiten, damit sie sich psychisch und physisch wohlfühlen und dauerhaft gesund bleiben. Zu diesen Anforderungen zählt die Möglichkeit, auch im Liegen entspannt schlafen zu können! Leider höre ich immer wieder die Aussage, Pferde können ja im Stehen schlafen und brauchten sich nicht unbedingt hinzulegen, doch diese Annahme ist schlicht und einfach falsch.

In meiner Tätigkeit als Pferdetherapeutin wie auch als Reitlehrerin treffe ich leider immer wieder auf Situationen, bei denen ein Pferd unter dauerhaftem Schlafmangel leidet, dies dem/der Besitzer/-in jedoch nicht bewusst ist. Andererseits werde ich auch immer wieder mit der Vermutung konfrontiert, ein Pferd könnte an Narkolepsie leiden.

Mit diesem Blog-Beitrag möchte ich einen groben Überblick zum Thema Schlafverhalten bzw. Schlafmangel bei Pferden sowie eine Einordnung des Themas Narkolepsie geben. Wer sich vertieft mit dieser Thematik auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich die Lektüre der beiden Studien der LMU München, auf die ich im Beitrag verwiesen habe.

Sonja Bucher

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